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Editorial

 

 

 

Die bäuerliche Landwirtschaft erlebt gerade eine Renaissance - rhetorisch zumindest. Die Vereinten Nationen riefen für 2014 ein „Internationales Jahr der familienbetriebenen Landwirtschaft" aus - eine Formulierung, bei der vermutlich viele den bäuerlichen Familienbetrieb im Sinn hatten. Es folgten weltweit zahllose Vorträge, Deklarationen und Podiumsdiskussionen. Sie blieben in der Sache zwar folgenlos, haben jedoch zweifellos für ein Mehr an öffentlicher Aufmerksamkeit gesorgt.

 

Auch jenseits der landwirtschaftlichen Kreise ist neuerdings viel von Bäuerlichkeit die Rede. Die urban geprägte Gesellschaft entwickelt eine große Sehnsucht nach dem Ländlichen. Magazine, die die Landlust bereits im Titel tragen, erreichen Auflagenhöhen, von denen Spiegel und Stern nur träumen können. Sie vermarkten ein Bild von den „schönen Seiten des Landlebens", das mit der Realität zwar wenig zu tun hat, wohl aber die Erwartungen der Gesellschaft an das Leben und Wirtschaften auf dem Land deutlich macht. Meist sind es genau die Bilder einer traditionell-bäuerlich geprägten Landwirtschaft, die auch von der Agrarindustrie für ihre Werbezwecke noch benötigt werden - ansonsten aber von der gleichen Industrie als „nicht zukunftsfähig" diskreditiert werden.

 

Auch wenn die Erwartungen der Gesellschaft in vielem an der Realität auf den Höfen vorbeigehen - man kann froh sein, dass sich die Bürgerinnen und Bürger überhaupt noch/wieder für das Leben und Wirtschaften auf dem Lande interessieren. Denn nur so kann es gelingen, die Art und Weise, wie wir Landwirtschaft betreiben, Lebensmittel erzeugen und sie auf den Märkten handeln zu einem zentralen Thema unserer Gesellschaft zu machen.

 

In vielem ist dies ja bereits erfolgreich gelungen, wenn man an die wachsenden Proteste gegen den Bau neuer gigantischer Mastanlagen denkt oder an die alljährliche Demonstration, die unter dem Motto „Wir haben es satt!" Zigtausende in Berlin vereint und mittlerweile eine bundesweite Bewegung geworden ist.

 

„Agrarindustrie und Bäuerlichkeit" - das sind die Pole, zwischen denen dieser politische Diskurs verläuft und die wir zum Schwerpunkt des diesjährigen Kritischen Agrarberichts gemacht haben.

 

Um Weichenstellungen zwischen Agrarindustrie und Bäuerlichkeit wird es auch 2015 in den anstehenden Debatten in Berlin und Brüssel gehen:

 

  • Die EU-Agrarreform böte viele Möglichkeiten, die Gelder „grüner und gerechter" einzusetzen. Doch anders als einige unserer Nachbarländer nutzt Deutschland diese Möglichkeiten zur Stärkung einer bäuerlichen Landwirtschaft nicht - im Gegenteil: Hauptnutznießer auch dieser Reform sind die großen Wachstumsbetriebe. Hier gilt es politisch nachzubessern.
  • Auch in den geheim geführten Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA (TTIP) geht es im Kern um die weitere Ausdehnung des agrarindustriellen Produktionsmodells nach amerikanischem Vorbild (inkl. Gentechnik).
  • Eine weitere Zukunftsentscheidung mit schwer absehbaren Folgen dürfte die für 2015 erwartete Entscheidung in Brüssel über nationale Anbauverbote für gentechnisch veränderte Pflanzen werden.
  • Einschränkungen der industriellen Tierhaltung mit ihrem Überangebot von Gülle versprechen sich die Umweltverbände durch die notwendige Novellierung der Düngeverordnung in Deutschland.

 

Das sind nur vier der zentralen agrarpolitischen Themen, die wir in unserem Bericht behandeln und für 2015 auf der politischen Agenda stehen.

 

Der kritische Agrarbericht versteht sich aber nicht nur als ein „Weißbuch" mit gut begründeten Vorschlägen für eine ökologisch wie sozial verträgliche, am Wohl von Mensch wie Tier orientierten Landwirtschaft. Er versteht sich auch als Ort der Klärung und Selbstverständigung der Agraropposition in Deutschland.

 

So lag es nahe, beim diesjährigen Schwerpunkt das Thema „Bäuerlichkeit" grundsätzlicher und tiefgehender zu behandeln, als es die politische Debatte im Parlament oder auf der Straße ermöglicht. Zumal sich das AgrarBündnis als Herausgeber des Kritischen Agrarberichts seit seiner Gründung vor 25 Jahren dem Leitbild einer bäuerlichen Landwirtschaft verpflichtet fühlt. Über den Stand der aktuellen Diskussion berichtet der Geschäftsführer des AgrarBündnis in einem längeren Beitrag, ergänzt und konkretisiert durch ein aktuelles Diskussionspapier der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft.

 

Auffallend ist, dass das „Bäuerliche" oftmals über das definiert wird, was es nicht ist: keine Massentierhaltung, keine Vergiftung der Böden, keine öden Monokulturen, keine Agrarfabriken. Umgekehrt auch das Positive zu benennen, was bäuerliche Arbeit ausmacht, fällt schwerer - ist aber durchaus möglich, wie die Texte in diesem Agrarbericht deutlich machen.

 

Gewiss, die Begriffe „Agrarindustrie und Bäuerlichkeit" sind an ihren Rändern unscharf. Auf den Höfen gibt es höchst unterschiedliche Übergänge und Zwischenformen. Vielleicht entscheidet sich das Bäuerliche ja auch weniger an der Frage der Betriebsgröße oder der Rechtsform als vielmehr an einer wertebezogenen Grundentscheidung? Sich bewusst zu machen, dass Landwirtschaft sich im Kern von industriellen Prozessen unterscheidet. Denn: „In der Landwirtschaft geht es um die Entwicklung lebender Wesen, in der Industrie hingegen um die Verarbeitung toter Dinge."

 

Diese Formulierung des damaligen SPD-Politikers Eduard David stammt bereits aus dem Jahr 1903, als erste Fragen aufkamen, wie es um die Landwirtschaft gegenüber der Industrie und ihrer Dynamik bestellt ist.

 

Bäuerliche Landwirtschaft folgt dem Paradigma des Lebendigen und nicht der leblosen Effizienzlogik des Industriellen. Bäuerlich wirtschaften all diejenigen, die den Boden als etwas Lebendiges und Leben spendendes auffassen (und nicht nur als „Pflanzsubstrat"), die in Pflanzen und in Tieren Lebewesen mit spezifischen Bedürfnissen erkennen - und nicht nur „Biomasse" sowie möglichst effiziente Dünger- oder Futterverwertungsmaschinen.

 

Wir würden uns freuen, wenn der diesjährige Kritische Agrarbericht neben den aktuellen politisch drängenden Fragen auch Anregungen gibt für ein vertieftes Nachdenken über Landwirtschaft und die Grundlagen unseres Lebens.

 

Wir danken den 65 Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland, die mit ihren Beiträgen zu dem Gelingen dieses agrarpolitischen Jahrbuchs beigetragen haben. Dank gebührt auch den Stiftungen, Unternehmen und Organisationen, die durch ihre finanzielle Unterstützung die Arbeit am Kritischen Agrarbericht Jahr für Jahr ermöglichen.

 

Für die Redaktion:

Manuel Schneider, Andrea Fink-Keßler, Friedhelm Stodieck

Für den Vorstand des AgrarBündnis:

Jochen Dettmer, Friedrich von Homeyer, Esther Müller, Bernd Voß

 

München, im Dezember 2014