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Editorial


„Weniger ist mehr" - unter diesem verheißungsvollen Motto läuft zurzeit in vielen Gesellschaften Europas eine erneute Diskussion über die „Grenzen des Wachstums". Auch wenn die Politik nach wie vor auf wirtschaftliches Wachstum als Allheilmittel zur Krisenbewältigung setzt, ist diese Ideologie offenbar brüchig geworden. Wachstum ist längst kein Indikator mehr für Wohlstand. Und die versprochene „Entkopplung" der wirtschaftlichen Entwicklung vom Ressourcenverbrauch, die als „grünes Wachstum" verkauft wird, findet de facto nirgends statt. Die Klimaverhandlungen in Paris haben erneut das Bewusstsein geschärft für den fatalen Weg, auf dem sich unsere fossil angefeuerten Gesellschaften befinden.

 

„Weniger ist schwer" - so dürfte jeder antworten, der sich in der Landwirtschaft auskennt. Über Jahrzehnte hat sich die Agrarwirtschaft dem Diktat des „Wachsen oder Weichen" gebeugt, das von Politik und Bauernverband in den Rang eines Naturgesetzes erhoben wurde. Doch auch hier dürften die Grenzen des Wachstums bereits längst überschritten sein.

 

Mit dem agrarindustriellen Wachstum der Betriebe, dem Immer-schneller-immer-mehr-Produzieren, wachsen die Probleme mit: beim Tierschutz, bei der Nährstoffversorgung der Böden, beim Einsatz von Pestiziden, beim Schutz der biologischen Vielfalt, aber auch bei der Arbeitssituation der Menschen, die auf den Betrieben leben.

 

Und ökonomisch? Auch Wachstumsbetrieben fällt es immer schwerer, sich auf die ständig schwankenden und in der Tendenz eher sinkenden Erzeugerpreise einzustellen. Wachstum ist auch in der Landwirtschaft längst kein Indikator mehr für Wohlstand.

 

Anlass für diesen Agrarbericht, das Thema „Wachstum" zu einem Schwerpunkt der kritischen Auseinandersetzung zu machen.

 

  • Wo liegen die entscheidenden Wachstumstreiber?
  • Wie „alternativlos" ist eigentlich der „Strukturwandel"?
  • Gibt es Beispiele für eine bäuerliche „Ökonomie des Genug"?
  • Welche Spielräume haben die Betriebe, sich von den Wachstumszwängen zu befreien?
  • Welcher Formen des solidarischen Miteinanders von Landwirtschaft und Gesellschaft bedarf es hierzu?
  • Wie hängen Qualität und Wachstum zusammen?
  • Welche Formen des Wachstums wären vielleicht auch wünschenswert?

 

Dies sind einige der Fragen, die in den 19 Beiträgen (von insgesamt 47) behandelt werden, die dem Schwerpunkt gewidmet sind.

 

Viele der Themen, die wir darüber hinaus in diesem Kritischen Agrarbericht bearbeiten, stehen in engem Zusammenhang mit dem Wachstumsstreben in der Landwirtschaft. So zum Beispiel:

 

  • die dramatisch sinkenden Milchpreise, nicht erst seit Freigabe der EU-Milchquote (S. 40-46);
  • die Exportorientierung der deutschen wie europäischen Landwirtschaft mit ihren fatalen Auswirkungen auf die Erzeugerpreise bei uns, aber auch auf die Märkte im globalen Süden (S. 101-104);
  • die klandestinen Verhandlungen über TTIP und CETA, den geplanten Freihandelsabkommen der EU mit den USA und Kanada (S. 53-58);
  • die Auseinandersetzung um die Wiederzulassung von Glyphosat und die zweifelhafte Rolle der Behörden (S. 64-73);
  • die fortschreitende Konzentration der Tierhaltung und der Streit um die Düngeverordnung (S. 200-205).

 

Immer geht es um die Frage, wie dem blinden „Weiter so!" der Agrarindustrie etwas Sinnvolleres entgegenzusetzen ist: eine bäuerliche Landwirtschaft, die ihrer Verantwortung der Gesellschaft gegenüber gerecht wird, aber auch gegenüber den Tieren und der Natur, mit und von der wir alle leben.

 

Wir danken den 66 Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland, die mit ihren Beiträgen zu dem Gelingen dieses agrarpolitischen Jahrbuchs beigetragen haben. Dank gebührt auch den Stiftungen, Unternehmen und Organisationen, die durch ihre finanzielle Unterstützung die Arbeit am Kritischen Agrarbericht Jahr für Jahr ermöglichen.

 

Für die Redaktion:

Manuel Schneider, Andrea Fink-Keßler, Friedhelm Stodieck

Für den Vorstand des AgrarBündnis:

Jochen Dettmer, Friedrich von Homeyer, Esther Müller, Bernd Voß

 

München, im Dezember 2015