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Editorial


Wenn die Landwirtschaft es in die Schlagzeilen schafft, dann geht es meist um Tiere bzw. um die widrigen Umstände, unter denen viele von ihnen leben und geschlachtet werden. Immer mehr Tierfabriken mit kranken und verhaltensgestörten Tieren, ein insgesamt zu hoher Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung, der Bau neuer XXL-Schlachthöfe, ein boomender Exportmarkt für Fleisch in alle Welt und die weitere Verdrängung bäuerlicher Betriebe auch hierzulande: Das sind die Themen, die immer wieder Menschen in großer Zahl auf die Straße bringen. Die Großkundgebung „Wir haben es satt!" mit tausenden engagierten Bürgerinnen und Bürgern gehört mittlerweile zum festen Begleitprogramm der Grünen Woche in Berlin.

 

Gründe genug, die „Tiere in der Landwirtschaft" auch zum Schwerpunkt unseres diesjährigen Kritischen Agrarberichts zu machen.

 

Eine Agrarwende zum Guten muss insbesondere bei der Tierhaltung ansetzen. Mehr als zwei Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland halten Nutztiere. Und die Tierhaltung trägt mit 48 Prozent nahezu die Hälfte zum gesamten Produktionswert der deutschen Landwirtschaft bei. Nirgendwo jedoch ist auch der landwirtschaftliche „Strukturwandel" so rasant wie in der Tierhaltung: Innerhalb von zehn Jahren haben zwei Drittel der Sauenhalter aufgegeben.

 

Wie sehr mittlerweile ganze Bereiche der Tierhaltung samt ihrer rechtlichen Rahmenbedingungen den Werten unserer Gesellschaft widersprechen, zeigt eine andere Zahl: 40 Millionen. So viele männliche Küken werden jedes Jahr in deutschen Brütereien - kaum dass die Tiere geschlüpft sind - geschreddert oder vergast. Nur, weil sie das falsche Geschlecht und die falsche Genetik haben, keine Eier legen und nicht den hohen Leistungserwartungen als Masttiere genügen. Wer hierin achselzuckend einen „vernünftigen Grund" zum Töten von Tieren sieht, der stellt bewusst ökonomisches Kalkül über Ethik und gesellschaftliche Akzeptanz.

 

Die sogenannte tierische Veredlung geht dabei mit der Verelendung vieler Menschen Hand in Hand: Das beginnt bereits auf den riesigen, zunehmend degradierten und übernutzten Flächen in Übersee, die den dort lebenden Kleinbauern genommen werden, um in Monokulturen die Futtermittel für unsere Nutztiere anzubauen. Es setzt sich fort im Lohndumping und den oftmals skandalösen Arbeitsbedingungen in deutschen Schlachtbetrieben. Am Ende dieser vermeintlichen „Wertschöpfungskette" stehen vielfach Bauern in Afrika, die ihre Existenzgrundlage verlieren, weil ihre Märkte mit übriggebliebenen Hühnerbeinen und anderem „Restfleisch" aus Deutschland und der EU überflutet werden. Ein globaler Kreislauf der Fleischproduktion, der zu nichts Gutem führt und nichts Gutes hinterlässt.

 

Eine Landwirtschaft, die die Ansprüche und Bedürfnisse von Mensch und Tier nicht hinreichend berücksichtigt, kann nicht nachhaltig sein und wird auf Dauer auch die Unterstützung durch die Gesellschaft verlieren.

 

Der diesjährige Kritische Agrarbericht benennt nicht nur diese Missstände, er soll auch Mut machen. Er berichtet von Beispielen und Initiativen, in denen Landwirte zusammen mit Verbrauchern und Verbänden neue Wege gehen: von Bauern, die sich auf ihren Betrieben für eine artgerechte und umweltverträgliche Tierhaltung einsetzen, die für Vieh und damit auch für Vielfalt auf der Weide sorgen und auf diese Weise unsere Kulturlandschaften erhalten, die züchterisch und in der Vermarktung nach Alternativen suchen (etwa mit dem „Zweinutzungshuhn"), um das sinnlose Töten von Tieren zu beenden. All das geht nur, weil immer mehr Menschen diesen Mehraufwand an der Ladentheke honorieren.

 

Aber auch andere Formen zivilgesellschaftlichen Engagements sind zunehmend erfolgreich. Immer wieder gelingt es Initiativen vor Ort, den Bau weiterer Tierfabriken zu verhindern. Der hartnäckige Widerstand wirkt! Und als Erfolg darf auch gewertet werden, dass eine von Mitgliedern des AgrarBündnisses getragene Initiative wie der NEULAND-Verein für tiergerechte und umweltschonenden Nutztierhaltung in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiern konnte. Eine Initiative, die in Zeiten zunehmender Industrialisierung zeigt, dass es auch anders geht, und die immer wieder wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der Tierhaltung in Deutschland gibt.

 

Weniger positiv als erhofft werden allerdings die Auswirkungen der EU-Agrarreform im Bereich der Tierhaltung sein. „Grüner und gerechter" sollte es nach dem Willen der EU-Kommission in der Landwirtschaft zugehen. Auch wenn das Ergebnis der Reformbemühungen viele enttäuscht, die EU-Agrarreform bietet vielfältige Potenziale, die es bei der Umsetzung zu nutzen gilt. Die Verantwortung dafür liegt nun wieder bei den Mitgliedsländern. Die Politik in Deutschland kann sich nicht mehr hinter Brüssel „verstecken" und muss agrarpolitisch Farbe bekennen. Wie die neue Bundesregierung und die Länder diesen Gestaltungsspielraum zukünftig nutzen werden, das hängt nicht zuletzt vom Engagement der Zivilgesellschaft ab. Möge der Kritische Agrarbericht all denen eine Hilfe sein, die sich in den oftmals schwer durchschaubaren Problem- und Diskurslagen orientieren wollen.

 

Wir danken den 77 Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland, die mit ihren Beiträgen zu dem Gelingen dieses agrarpolitischen Jahrbuchs beigetragen haben. Dank gebührt auch den Stiftungen, Unternehmen und Organisationen, die durch ihre finanzielle Unterstützung die Arbeit am Kritischen Agrarbericht Jahr für Jahr ermöglichen.

 

Für die Redaktion:

Manuel Schneider, Andrea Fink-Keßler, Friedhelm Stodieck

 

Für den Vorstand des AgrarBündnis:

Jochen Dettmer, Friedrich von Homeyer, Esther Müller, Bernd Voß

 

München, im Dezember 2013